Jasmina

 

 

JASMINA, das kleine Geistermädchen, das das Spuken erst lernen musste     

Es war einmal……..

Vor langer, langer Zeit lebte ein kleines Geistermädchen, das nicht gelernt hatte, richtig zu spuken. Das Geistermädchen hieß Jasmina. Es war so schnell zum Geist geworden, dass es nicht wusste, wie ihm geschah. Noch viel weniger wusste Jasmina, wie das mit dem Spuken so richtig ging. In den Häusern, die sie sich aussuchte um darin herumzuspuken, schwebte sie am Tage vergnügt herum und in der Nacht schlief sie tief und fest. Einmal fand sie ein Buch, in dem etwas über ein Gespenst stand. Sie las, dass dieses Gespenst immer mit Ketten gerasselt hatte – und dass alle Menschen sich dann gruselten. Das gefiel ihr, denn vor ihr gruselte sich nie jemand. Weil sie nur am Tage herumschwebte, wurde sie fast nie gesehen – und das sollte sich ändern.

Deshalb suchte Jasmina nach einer Kette. Als sie – ein paar Wochen später – endlich eine Kette gefunden hatte, war das kleine Geistermädchen sehr glücklich. Es war gar nicht so einfach gewesen, sich diese Kette zu beschaffen. Sie hatte in einem kleinen Kästchen gelegen, das Jasmina auf dem Boden eines Wohnhauses gefunden hatte. Besonders gut gefiel es ihr, dass die Kette so schön funkelte. Also hängte sie sich die Kette um den Hals und schlenkerte damit herum, wenn sie am Tage herumschwebte. Jasmina konnte nicht verstehen, warum trotzdem niemand Notiz von ihr nahm. Die Menschen hätten sich doch nun eigentlich vor ihr gruseln müssen – aber keiner beachtete sie, obwohl sie doch so fleißig jeden Tag mit ihrer Kette herumschlenkerte. Das konnte eigentlich nur an den Menschen liegen, dachte sich Jasmina; denn sie hatte doch gelesen, dass Ketten gruselig waren.

Sie zog von einem Haus zum anderen und versuchte, die Menschen mit ihrer Kette zu erschrecken – aber es klappte nicht. Traurig zog sie schließlich in eine alte Burg ein und versuchte es dort – doch wieder ohne jeden Erfolg. Eines nachts dann – Jasmina war am Abend traurig eingeschlafen, geschah etwas, womit das kleine Geistermädchen nie gerechnet hätte. Als die alte Standuhr Mitternacht schlug, da schepperte und klapperte es auf dem Flur so laut, dass sie aufwachte. Als sie sich ängstlich eine Decke über den Kopf zog, flog die Tür auf und sie hörte ein gruseliges Heulen. Was mochte das nur sein? Vorsichtig lugte sie hinter ihrer Decke hervor und sah ein großes Gespenst, das mit rostigen Ketten klapperte. Bevor Jasmina auch nur ein einziges Wort sagen konnte, schwebte das Gespenst auf sie zu und schrie: „Die Burg gehört mir – mir – mir!“ Und dann machte es einen Riesenlärm.

Aber Jasmina fürchtete sich nicht mehr. Schließlich war sie ja selbst ein Geist, also konnte ihr ja gar nichts passieren. Also schwebte sie vergnügt ihre Kette schwenkend auf das Gespenst zu und sagte: „Schau – ich habe auch eine schöne Kette. Und die ist noch nicht einmal rostig! Aber warum machst du denn so einen Lärm, während alle schlafen?“  Vor Überraschung fiel dem Gespenst die schwere Kette aus den Händen. „Du bist ein Geist?“, fragte es verwirrt. „Was willst du denn hier? – Hier spuke ich!“  Jasmina nickte begeistert mit dem Kopf. „Ja“, antwortete sie. „Und du spukst wunderbar gruselig. Ich wünschte, ich könnte das auch.“ Das Gespenst schaute das kleine Geistermädchen streng an und fragte: „Willst du dich über mich lustig machen?“

„Aber nein“, antwortete Jasmina und lächelte das Gespenst freundlich an. „Ich finde es wirklich toll, wie du spuken kannst. Nur verstehe ich nicht, warum du es mitten in der Nacht tust.“ Nun musste sich das Gespenst erst einmal setzen. Dieses Geistermädchen schien ja überhaupt keine Ahnung vom Spuken zu haben – aber es war ganz eindeutig ein Geist. „Also jetzt pass gut auf“, sagte das Gespenst dann. „Ich kann so gut spuken, weil ich das schon seit ewigen Zeiten tue – und zwar nachts – so wie es sich gehört. Aber du scheinst ja nichts davon zu verstehen.“

„Da hast du wohl leider Recht. Ich habe zwar jeden Tag fleißig gespukt – aber gefürchtet hat sich noch nie jemand vor mir – noch nicht einmal, seitdem ich meine Kette habe.“, sagte Jasmina ganz ernst. „Könntest du mir das Spuken nicht beibringen? Ich würde es soooo gerne richtig lernen.“